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MOTORPSYCHO – The Tower

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Motorpsycho sind zurück! In voller Stärke! „The Tower“, ihr ungefähr vierundfünzigstes Album, lässt es wieder krachen. Wie in alten Zeiten hauen sie uns ein stilistisches Tohuwabohu auf einem satten Doppelalbum um die Ohren. Wüstes Rockriffing, zuckrige Akustiksongs und psychedelische Jams getränkt von ihrem Markenzeichen: Exzess.

2016 verliess Drummer Kenneth Kapstad nach zehn Jahren überraschend die Band und die Fans hielten den Atem an. Wer kann diesen Weltklassedrummer ersetzen? Glücklicherweise hat es nur ein Jahr gedauert, bis man in Tomas Järmyr würdigen Ersatz fand. Ein Jahr bedeutet im umtriebigen Motorpsychouniversum jedoch eine Ewigkeit. Ganz untätig war die Kernbesetzung Bent Saether und Hans Magnus Ryan zwar nicht. Mit „Begynnelser“ erschien diesen Frühling ein Soundtrackalbum inklusive DVD zu einem Theaterstück, welches sie einen Monat lang abendlich live vertonten. Doch dabei vermisste man – eigentlich schon seit der letzten „ordentlichen“ etwas introspektiv geratenen, Motorpsychoplatte „Here Be Monsters“ von 2016 – diese gewaltige, alles einnehmende, seelenmassierende Epik, welche kaum eine andere Band so dermassen zu zelebrieren vermag.

Nun, mit neuem Drummer und neuem Schwung wird dieses Element wieder mit voller Wucht abgefeiert. „The Tower“ rührt mit der grossen Kelle an: Zehn Songs in 90 Minuten, einige davon weit über der Zehn-Minute-Marke. Auf früheren Alben wie „Let Them Eat Cake“ oder „Phanerothyme“ zeigten sich die Jungs als begnadete Popsongschreiber. Davon ist hier nichts zu hören. Ein wahnwitziger Mix aus Proganleihen bei Yes und King Crimson vermischt sich mit klassischem Hardrock Marke Black Sabbath, Dio oder gar Judas Priest und Gesangsharmonien und Gitarrengezupfe im Stile von Crosby, Stills, Nash & Young. Das klingt jetzt nicht gerade zeitgemäss, doch dank stilistischer Unbekümmertheit und Attitude minus Rockergepose platziert sich dieses Album sehr wohl in die Moderne.

Mit „The Tower“ ist der Turm zu Babel gemeint, denn die Welt ist im Aufruhr und das Chaos die Leiter für die Gefährlichsten unter uns. Die Band ist also nicht nur neubelebt, sie ist auch sauer. Solch bösartige Riffmonster wie „Bartok Of The Universe“ und „The Cuckoo“ hat man von ihr seit den 90ern nicht mehr gehört, und die besorgte Bande richtet sich nicht nur mit aufgedrehten Verstärkern an das Zeitgeschehen. Bislang sinnierten Motorpsychotexte eher über Ich & das Universum, hier aber kriegen die Trumps, Le Pens, Gaulands und Erdogans ihr Fett weg: Ob „The cuckoo settled in, he’s busy feeding, growing. He’ll be claiming everything we’ve known. We let him slip right in, how could we think we knew him? Now it doesn’t feel like home.“ oder „Pray your leaders are the wisest of men. Pray they’re not so easily riled. Pray they seek concord and never go looking for fights. Pray their aim is to reconcile“, ihre sonst charakteristische Entrücktheit ist wie weggeblasen. Zwischendurch wird die Alarmstufe hie und da ein, zwei Striche runtergefahren. „The Maypole“ und „Stardust“ sind zarte Akustiksongs, welche an Jugendsommer am See erinnern, und das überlange „A Pacific Sonata“ beginnt als verträumte Segelfahrt zur Insel der seltsamen Pilze und ergiesst sich darob in einem fiebrigen Trip.

Der Höhepunkt kommt zum Schluss: „Ship Of Fools“ fasziniert erst mit entspannter Polyrhythmik, dreht sich im Songverlauf immer mehr um sich selbst und bricht endlich in einen typischen Motorpsycho Jam los, während sich nach und nach zillionen Instrumente dazugesellen. Da türmen sich Klänge und Stimmungen und Eindrücke auf- und umeinander, bis man nicht mehr weiss, wo einem der Kopf steht. Und so ist es zurück, das Motorpsycho Trademark. Unbändige Musik, die etwas verkopft daherkommt, aber nur mit Bauch und Seele gänzlich erkannt wird.

Gefjordeter Spacerock 10/10

Marc Flury

LIVE: Mittwoch 1.11.2017 Biel – La Coupole

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